Gendercamp 2011

So. Nachdem ich zuerst gar nichts über das Gendercamp schreiben wollte, tue ich das nu doch. Das Gendercamp fand vom 13.-15.5. in Hüll statt, hier [1] könnt Ihr Euch darüber informieren. Ich habe jetzt doch das Bedürfnis, meine Wahrnehmung des Wochenendes hier in Worte zu fassen, da ich mit dem bisher Geschriebenen und nicht Geschriebenen nicht so zufrieden bin. Wenn auch meine Wahrnehmung nicht sonderlich sortiert ist…

Wie kam ich zum Gendercamp? Ich hörte letztes Jahr, dass das Gendercamp gut war („Drei Tage Hach“, „Hach“ im Sinne von „toll“, „bewegend“, „herzlich“ oder so). Ich hörte, dass Etliche, die ich im letzten Jahr online mehr oder weniger regelmäßig lese, vorhatten, dort hin zufahren, ich war neugierig, ich schätze es sehr, Leute offline kennen zu lernen, die online gute Sache verzapfen.


Was mich so genau beim Gendercamp erwarten würde, war mir nicht klar. Die Ankündigung besagt:

Das GenderCamp ist ein BarCamp [2] rund um Feminismus, Queer, Gender und Netzkultur. Es findet im Mai 2011 zum zweiten Mal im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll [3] bei Hamburg statt.

Das GenderCamp ist ein offenes Event, dessen Programm vor Ort von den Teilnehmer_innen gestaltet wird: Jede_r, der_die Lust hat, etwas beizutragen, kann in der morgendlichen Sessionplanung einen Vorschlag machen und bekommt einen Slot im Programm. Ob Diskussionsrunden, Workshops, Vorträge, Filme, Planung gemeinsamer Projekte… vieles ist möglich.

Das klingt spannend und offen und unpräzise. Als ich im Zug saß und all das „Hach“ (mit einer ähnlichen Bedeutung wie „wird das toll“) auf Twitter las, schrieb ich:

„Vorsichtige Frage zum #gendercamp: Woher wisst Ihr alle schon, dass es #hach wird? *duck*“

Der Tweet spiegelte meine Unsicherheit über das Event wider, auf das ich da gerade fuhr. Wobei ich zu dem Zeitpunkt eine bestimmte Frage im Kopf hatte: Wird es irgendwelche „Grabenkämpfe“ geben? Ich hatte über’s Netz schon mitbekommen, dass Menschen, die sich queer verorten, das Gendercamp nicht als queeren Raum empfunden hatten, und dass Andere sich über Twitter fragten, ob das eine feministische Veranstaltung ist. (Finde den Beleg leider nicht mehr.) Es sah einfach so aus, als kämen Menschen mit sehr verschiedenen Erwartungen dahin, und ich war mir unklar darüber, was das heißen könnte.

Was beim Gendercamp geschah, ist für mich schwer zusammenzufassen. Und ich bin mir unsicher, ob ich als Privilegienpimmel „das Problem“ hier mit meinen Worten definieren kann, will, soll. Ich versuche es mal so: Die Gruppe war mit rund 80 Personen ziemlich groß und im Hinblick auf sensiblen Umgang/sensible Sprachverwendung und Redeverhalten heterogen. (Dazu hat auch lantzschi was geschrieben, 3. Link da unten.) Es kam zu diskriminierenden Äußerungen und Zuschreibungen, z. B. in Form von nichtbeachteten Selbstbezeichnungen von Personen, die bei einem Plenum per Brief thematisiert wurden: Anwesende fühlten sich sehr unwohl auf dem Gendercamp. Und das wurde im Gegensatz zum letzten Jahr öffentlich angesprochen. Dazu erstmal: Ich finde es scheiße, dass es Teilnehmer_innen dort nicht gut ging! Gleichzeitig habe ich wenig davon selbst mitbekommen und dies nicht direkt angesprochen. Es ging um das Jonglieren mit theoretischem Expert_innenwissen beim „Konversationshach“, d. h. in den Kennenlerndiskussionen. Das tut mir jetzt leid, hätte eine Intervention meinerseits doch ein Mosaikstückchen für eine angenehmere Atmosphäre sein können.

Was tat ich da 2,5 Tage lang? Ich wollte an mehr netzpolitischen Sessions teilnehmen, suchte mir spontan dann aber die Sessions aus, in denen es um Gender ging, um gendersensibles Sprechen, darum, was queere Räume eigentlich ausmacht, mit denen ich nicht viele Erfahrungen habe, um Privilegien und Zuschreibungen. Das fand ich sehr bereichernd und Augen öffnend. Danke dafür!

Seitdem fallen mir zwei Diskussionsstränge auf: Die Diskussion im Chat letzte Woche hat mir bei der persönlichen „Nachbereitung“, der Auseinandersetzung mit anderen und mir da drin geholfen, ein Prozess, der noch im Gange ist… Es ging dort nochmal um einzelne Sessions und um grundsätzliche Fragen, Nachfragen willkommen, ich fand es angenehm.

In Blogs kommt das Gendercamp nicht gut weg. Ich bin auch etwas überrascht, dass mir erst vier Blogartikel bekannt geworden sind. Hier könnt Ihr Euch Meinungen einholen:

  1. http://www.piratenweib.de/3-tage-hach-in-weit-weit-weg
  2. http://www.l-talk.de/kulturelles/hinter-den-spiegeln-gendercamp-teil-1.html
  3. http://medienelite.de/2011/05/16/gendercamp-2011-wissen-macht-und-geschutzte-raume/
  4. http://www.feministisches-zentrum.de/blog/zur-machtverteilung-des-gendercamp-2011

Die Artikel sind sehr unterschiedlich. Ich muss sagen, dass ich mit der Ironie des zweiten Links (von Joni T.) nicht soviel anfangen kann. Ja, ich fühle mich gemeint mit diesem „Alle so nett und so gebildet und so irgendwie angezogen und so Norm“. Ich war selbst schon in Kontexten, die mir so vorkamen und die ich furchtbar fand. Ich sehe auch die strukturelle Zusammensetzung von solchen Veranstaltungen. Gleichzeitig fühle ich mich grob in Schubladen gesteckt. (Mal abgesehen von diesem Royal-Family-Zeugs -> hä? Ich frage mich, ob Menschen, die mich kennen, sowas über mich schreiben würden, aber zum Kennenlernen war das GC schon zu groß.) Vielleicht habe ich auch zu viele Gesellschaftsstrukturen schon akzeptiert, wenn ich mich nicht mehr darüber wundere, dass die Anwesenden bei „Bildungsveranstaltungen“ meistens ganz schön homogene Gruppen sind. Ich weiß vor allem nicht, was Joni T. von mir erwartet, wie ich das verändern kann, wenn ich Veranstaltungen besuche oder organisiere.

Was mir auffiel: Es gab nicht nur wenig Blogging, sondern die Artikel hatten Effekte, wie ein Tweet von Paula zeigt:

puzzlestueckes Tweet 1puzzlestuecke: Aufgrund der 2 bisher eher negativen #Gendercamp-Reviews traue ich mich gar nicht mehr, selbst eines zu schreiben. :/ Ich warte erstmal ab. (puzzlestuecke formuliert das später nochmal um: „Ich revidiere meine Aussage zu den beiden #Gendercamp-Reviews: eher „kritisch“ als „negativ“. Kritisch wäre ich auch, aber vllt eher anders.“)

Und so ähnlich ging es mir auch erstmal: Schreibe ich etwas über das Gendercamp? Und was und wie? Ich habe die Kritiken, das Unbehagen Vieler gehört und gelesen und möchte sie so stehen lassen. Ich denke viel über meine Rolle darin nach, die ich nicht klar habe, von der ich ehrlich gesagt auch nicht weiß, ob ich sie hier abladen würde. Aber eine Auseinandersetzung, an der sich manche nicht trauen teilzunehmen, wünsche ich mir nicht. Beim Gendercamp selbst, z. B. im Gemeinschaftspodcast heiter scheitern 31 [4] und in den Plena, ging es ja schon um die Sorge, etwas Falsches zu sagen, etwas falsch zu machen, Anderen zu nahe zu treten. Paulas Tweet scheint mir auch in diese Richtung zu gehen. Was damit anfangen? Einige Blogger_innen haben festgehalten, wie es ihnen ging. Das macht in der Tat traurig und wütend (mich auch). Schreiben danach diejenigen, die das GC anders/aus einer anderen Perspektive erlebt haben, nicht auf, was ihnen wichtig war oder wie ihnen ging? Paula twitterte, dass sie die Kommentare fürchtet. Ich lasse sie auf mich zukommen und weiß nicht, ob ich sie werde beantworten können, aber ich werde sie hören.

Zuletzt noch eins: Ich möchte dem Vorbereitungsteam nochmal danken! Meiner Ansicht nach wurde diesen paar Leuten extrem viel Verantwortung übergeholfen, was das Gelingen des Gendercamps angeht, z. B. von Stephanie (4. Link da oben), aber auch bei den sonntäglichen Plena. Ich finde es super, dass sie uns diesen Rahmen geschaffen haben, finde aber, dass das Ausfüllen des Rahmens in der Verantwortung aller liegt. Damit komme ich wieder zurück zu der etwas schwammigen Ankündigung: Die könnte im kommenden Jahr in Bezug auf diverse Punkte präziser sein, so dass Teilnehmer_innen vielleicht genauer wissen, was sie erwartet/was sie erwarten können. Wenn ich z. B. klar entnehmen kann, dass das Gendercamp ein geschützter Raum, ein queerer Raum ist/sein soll, dann denke ich anders darüber nach, ob ich daran teilnehme. Weil ich nicht gut einschätzen kann, ob ich geschützte Räume anderer Menschen durch meine Anwesenheit oder meine Unbedarftheit zerstöre, durch mein Reden oder mein den-Mund-nicht-aufmachen. Wenn ich erfahre, wie das Camp sich genauer organisiert, dann habe ich eine andere Vorstellung von der Verantwortung, die bei mir persönlich liegt zu intervenieren. Das klingt vielleicht bekloppt passiv, aber wenn ich das erste Mal in einem neuen Kontext bin, dann verweise ich Unbekannte nicht mal eben in unverabredete Grenzen, wenn ich sie das erste Mal sprechen höre. Außer, ich weiß von einem eingangs gemeinsam ausgemachten Konsens über die gemeinsame Kommunikationskultur. Hier spiegelt sich schon ein bisschen wieder, was seit dem letzten Tag des Gendercamp diskutiert wird. Mir ist klar, dass das Orgateam die Ankündigung bewusst so offen gehalten hat und dass eine Schließung qua Ankündigung brisant ist und erstmal diskutiert werden muss. Auf jeden Fall lasse ich mich vom Gendercamp ausladen, wenn andere dadurch dort den geschützten Raum finden können, den sie suchen.

Jetzt klicke ich auf „Publizieren“. kteatime

[1] http://www.gendercamp.de/

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/BarCamp

[3] http://www.abc-huell.de/

[4] http://www.scheitern.org/?p=230

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich danke dir, Silke! Ich bin wirklich sehr froh über deinen Artikel, denn er spricht mit sehr aus dem Herzen und zeigt mir, dass ich nicht als Einzige das GC ganz anders wahrgenommen habe.

    Ich möchte der (teilweise sehr berechtigten) Kritik gar nicht grundsätzlich widersprechen, aber du hast echt Dinge angesprochen (z. B. Zielgruppe und Erwartungshaltung), über die ich auch schon eine Weile grüble, aber bisher nur sehr abstrakt in Stichpunkten auf meinem PC stehen hab und jetzt endlich mal in einen Text umformulieren werde.

  2. von mir auch danke! Ich hab mich auch (noch) nicht getraut eine Review zu schreiben, da ich als Teil des Orga-Teams ja ziemlich kritisiert wurde, was ich nicht alles nach vollziehen kann, sodass Reaktion arrogant wirken würde..

  3. Was Paula und Pia sagen.

    Ich habe bisher auch nicht das Gefühl gehabt, einen Nachtrag schreiben zu können. Das ich Teil des Orgateams und Mitarbeiter des Veranstaltungsortes bin, macht’s da nicht einfacher, zumal ich mich da irgendwie auch verpflichtet fühle möglichst neutral und gerecht sein zu müssen. Auch wenn ich weiß dass das Quatsch ist.
    Am meisten beunruhigt mich glaub ich wirklich, dass für manche offenbar keine Atmosphäre für freie Äußerung von Kritik da war. Denn direkt geäußerter Unmut über konkrete Situationen (muss ja nicht von den unmittelbar betroffenen kommen) hätte es imho einfacher gemacht mit den Konflikten umzugehen.
    Dem Orgateam wurde ja vorgeworfen, diskriminierende Vorfälle „unsanktioniert“ gelassen zu haben. … Ich kann jetzt zwar selbstkritisch meine eigene Wahrnehmung und Sensibilität befragen, aber dass hilft auch nicht viel um (nachträglich) diese Situationen zu erkennen. 🙁
    Hach! (as in „puuuuuh“).

  4. Ich finde es klasse, dass du dich ebenso wie Paula entschlossen hast, so offen im Blog zum Gendercamp zu berichten. Darüber zu schreiben und zu chatten ist der erste Schritt, um das Ganze zu verarbeiten und beim nächsten Mal dafür zu sorgen, dass es anders wird.