Beiträge von Frauen zur Entwicklung freier Software sichtbar machen!

Christina Haralanova hat letzens ihre Abschlussarbeit (pdf) [1] online gestellt, in der sie sich mit Frauen beschäftigt, die zur Entwicklung freier Software beitragen. Sie trägt den Titel „L’apport des femmes dans le développement du logiciel libre“, also in etwa „Der Beitrag von Frauen zur Entwicklung freier Software“. Die Arbeit ist auf französisch – Übersetzer_innen ins Englische und Spenden dafür werden noch gesucht.

Und hier kommt eine kleine Zusammenfassung, wobei ich v.a. auf die empirischen Befunde inkl. Interpretation eingehe (ab Kapitel fünf). Theoretische Anregungen gibt es in der Literaturliste, viele davon sind auf englisch und ebenfalls bei „uns“ rezipiert worden. Wer den Kontext auf deutsch nachlesen möchte, kann gut „Frauen-freie Zone Open Source?“ von Patricia Jung (2006) lesen, den es hier gibt. [2]

Anliegen der Arbeit

Christina Haralanova schreibt gegen quantitative Studien an, die den Frauenanteil in der Entwicklung freier Software bei rund einem Prozent festmachen. Sie eruiert diverse Gründe für diese Zahl und endet mit einer anderen Vermutung: Der Frauenanteil kann gut zwischen zehn und zwanzig Prozent liegen – die von Frauen beigetragene Arbeit wird bloß oft gar nicht wahrgenommen, weder in den entsprechenden Communities, noch in der Sozialforschung (124ff.). Sie hat qualitative Interviews mit neun Frauen geführt, die sich in Montréal für freie Software einsetzen. Es geht darum, ihre Tätigkeiten sichtbar zu machen und zwar als Beitrag zur Entwicklung freier Software. Sie fordert dabei einen weiten Begriff von „Entwicklung“, der alle Tätigkeiten einbezieht: Dokumentieren, für die Idee freier Software werben, im privaten oder beruflichen Umfeld Menschen von einem Wechsel überzeugen, programmieren, uvm. Haralanova kritisiert die Enge des verbreiteten Verständnisses: Beitragen bedeute programmieren oder höchstens noch quellcodenahe Hilfen zu erbringen wie das Einsenden von Bugreports oder Patches (124ff.). Dabei könne wenig anderes als eine verzerrte Statistik herauskommen, da wir ja rein statistisch schon wissen: je technischer desto weniger Frauen (siehe z.B. Literatur zur Sozialisation). Wo sind also Frauen, was machen sie genau für die Entwicklung und Verbreitung freier Software, und wie nehmen sie ihre Tätigkeiten wahr?

Empirie

Ich nehme vorweg, dass sich bei der Befragung sehr viel bereits Bekanntes widerspiegelt, z.B. die oft späte Berührung mit Computern, wenig Selbstvertrauen u.a. Ich finde es aber trotzdem interessant zu schauen, was sich hier wiederfindet, deshalb hier grob das, was sie im empirischen Teil macht. Die neunköpfige Stichprobe wird zunächst den Leser_innen vorgestellt, das mache ich mal schnell stichwortartig (S. 78-88):

  • Alter: 3 waren über 50 Jahre alt, sie hatten eine formale technische/informatische Ausbildung und einen Job in der Informatik. 2/3 waren zwischen 28 und 40, in verschiedenen Formen im „Web 2.0“ aktiv und hatten ganz verschiedene Ausbildungen und Berufe, die nicht unbedingt etwas mit Informatik zu tun haben (79). Die Autorin fand jedoch Alter in Bezug auf die Wahrnehmung oder den Einsatz freier Software nicht ausschlaggebend.
  • Alter beim ersten Kontakt mit Computern und freier SW.: 2/3 hatten mit 20 Jahren oder später mit Computern zu tun, nur drei Personen also bereits in ihrer Jugend, in der Schule oder Familie.
  • Verbindung zwischen Studium und Beruf: Nur drei der neun haben eine informatische Ausbildung oder ein Studium hinter sich. Sechs arbeiten aber in Berufen, die etwas mit Informatik zu tun haben (darunter kann auch die Organisation eines entsprechenden Projektes zählen oder Einführung von freier Software am Arbeitsplatz). „Eigentlich“ arbeiten die meistens in den Bereichen Humanwissenschaften, Verwaltung und Kunst, doch ihr Interesse an freier Software ließ sich beruflich einsetzen.
  • Die Älteren nutzen seit 15-20 Jahren freie Software, die jüngeren seit 7-15 Jahren. Bei keiner von ihnen fielen der erste Kontakt mit einem Computer und die erste Begegnung mit freier Software zusammen, sondern dazwischen lagen 5-15 Jahre. Wer in jungen Jahren mit Computern umzugehen lernte, hat FS schneller für sich angenommen, die anderen waren zögerlicher (83, 88).
  • Wie haben sie gelernt, mit freier Software umzugehen? Für viele war das im beruflichen Umfeld oder in einem Praktikum nach dem Studium. Arbeitsumgebungen, die sie dabei unterstützt haben, werden als ganz wichtig herausgestellt, wohingegen nur in einem Fall (sic!) eine Person aus dem nahem sozialen/privaten Umfeld die Interviewte in freie Software eingeführt hat. Haralanova nennt drei begünstigende Faktoren für den Umstieg auf freie Software: vorher bereits über technisches Wissen verfügen, sich sehr für Informatik interessieren, mit Menschen zusammenarbeiten, die FS nutzen (84).
  • Alle erinnern sich an ihre erste Begegnung mit freier Software als etwas Besonderes. Der Prozess der Aneignung freier Software, die Integration in die allägliche Praxis werden dagegen als langwierig erinnert, mit nur graduellen Fortschritten und viel Autodidaktik. Dieser Prozess ist auch nicht nur eine neue technologische Praxis, sondern auch die Auseinandersetzung mit einer neuen Philosophie (84).
  • Nicht alle Befragten sind komplett auf FS umgestiegen, manche nur partiell. Der Übergang wird von ihnen auch als nie endender Prozess beschrieben (85).

Typologisierung

Die Autorin erstellt eine Typologie (in dem Bewusstsein, dass die Stichprobe klein ist, die Typen nicht trennscharf sind und die Typologie deshalb sehr vereindeutigend ist): Unter den Frauen, die sich für freie Software einsetzen, sind Technisch-Professionelle („Technikerinnen“),  Philosophisch-Mediatorische („Vermittlerinnen“) und Praktisch-Ökonomische („Verbreiterinnen“)(88ff.).

  • Die „Technikerinnen“: Für sie hat Informatik in Leben und Beruf einen zentralen Stellenwert. Sie haben eine Leidenschaft für die Informatik, die sich ohne freie Software/Zugang zum Quellcode nicht so stark entwickelt hätte (89f.). Interesse und Aneignung von Kompetenzen sind ihre Motivationen zur Beschäftigung mit FS. Wichtig waren ihnen auch ökonomische Vorteile, mehr Kontrolle über Technik, kollektive Aktion und ihre persönlichen Erfahrungen.
  • Für die „Vermittlerinnen“ ist das Technische auch sehr wichtig, denn sie sind oft für die technische Vermittlung sozialer Aktivitäten zuständig. Sie haben ein besonderes Interesse für FS und überdurchschnittliche technische Kompetenz, aber ihre Arbeitsumfelder sind ganz andere Bereiche. Dort leisten sie wichtige Überzeugungsarbeit, um FS zu verbreiten. Eine ihrer Motivationen ist der Wunsch, unabhängiger von  professionellen Informatiker_innen zu sein. Etliche von ihnen haben Weiterbildungen im informatischen Bereich absolviert und kennen freie SW oft schon seit den 1990er Jahren. Die „Vermittlerinnen“ betrachten die Software als Kommunikationsmittel und als politisches Instrument, finden Vernetzungsaspekte mit den entsprechenden Communities, die Kooperation und die Autonomie durch Anpassungsmöglichkeiten der Software sehr wichtig.
  • Für die „Verbreiterinnen“ spielt die Informatik eine nachgeordnete Rolle. Sie führen in erster Linie kulturelle, soziale und künstlerische Projekte durch und setzen dabei freie Software ein, messen ihr selbst den Stellenwert von Werkzeugen zu. Diese Frauen kamen in ihren Leben alle relativ spät mit Computern in Berührung und sind nicht komplett auf freie SW umgestiegen, da sie ihr technisches Wissen als unzureichend empfinden und keine regelmäßige Unterstützung dazu hätten. In ihren Arbeitsfeldern haben die „Verbreiterinnen“ durch freie Software neue Möglichkeiten entdeckt und davon auch andere wissen lassen, zumal sie der Philosophie hinter FS viel abgewinnen können. Sie wurden dadurch sichtbarer, gaben Workshops, wurden auf der Arbeit in Entscheidungen einbezogen etc. Haralanova schreibt, dass diese Frauen wichtige Figuren für die Verbreitung und Werbung in kulturellen und künstlerischen Feldern seien (94ff.)

Motivationen der Frauen

Die Typologie wird dann nochmal entlang von vier Motivationen aufgerollt, die die Frauen für ihr Engagement nannten, nämlich technische, soziale, ökonomische und politische Motivationen (97ff.). Die Autorin korrelliert diese unterschiedlichen Motivationen mit den drei Typen von oben.

  • Technische Motivationen beinhalten nicht nur unmittelbare Betätigungen am Quellcode o.ä., sondern auch die großen Lernmöglichkeiten, die durch den offenen Quellcode gegeben sind, die Autonomie, die daraus resultiert und das demokratische Potenzial (vor dem Hintergrund einer sonstigen Technologieentwicklung, an der Frauen nur geringen Anteil haben, dazu 21ff.). -> „Technikerinnen“ (hier wesentlich) und „Vermittlerinnen“
  • Unter den ökonomischen Motiven wurde zwar auch der finanzielle Aspekt genannt, damit sind aber ebenso die Qualität und Sicherheit der Software gemeint. -> alle drei Typen, am wichtigsten aber für die „Verbreiterinnen“
  • Soziale Motivationen beziehen sich darauf, dass die Befragten die Organisation in Communities und die gegenseitige Hilfe als sehr gut und wichtig einschätzen. -> „Technikerinnen“ und „Vermittlerinnen“ gleichermaßen
  • Mit politischen Motivationen ist gemeint, dass freie Software zivilgesellschaftlichen und politischen Kontexten dienen soll. -> besonders „Vermittlerinnen“, aber auch „Verbreiterinnen“

Schließlich sei allen Befragten gemeinsam gewesen, dass sie starke Motive für den Einsatz und die Verbreitung freier Software formuliert haben. Dabei reichte ihnen die Philosophie allein nicht aus, auf sie wurde aber im individuellen Lernprozess immer wieder rekurriert. Sie teilten auch „Stufen“ in diesen Prozessen, die bei dem eigenen Erlernen anfingen und über Hilfe für andere bei einem breiteren Eingagement endeten. Interessant ist auch: Diejenigen, die mehr Erfahrung mit FS hatten, äußerten reflektiertere Motive in Bezug auf Vernetzung, Autonomie, Demokratie, Unabhängigkeit. Für diejenigen mit weniger Erfahrung stand im Vordergrund, was sie ganz konkret mit einem bestimmten Programm machen können. Mit der Dauer der Nutzung freier Software verschieben sich also die Motive: Bei Etlichen ging es anfänglich um eine kostenlose Software oder um eine große Auswahl verschiedener freier Programme. Im Laufe der Zeit lernten sie die Vorteile davon schätzen, dass Communities existieren, dass sie zu Entwickler_innen Kontakt aufnehmen oder selbst etwas verbessern können. Freie Software ist für einige von ihnen ein technisches Projekt, an dem eine mitarbeiten kann, für andere eine soziale Bewegung, deren Essenz nicht das Technische ist, sondern die Praxis des Austauschs, des Teilens und die Potenziale, die diese Software bietet (104).

Ergebnisse und Interpretation

  • Die meisten Frauen bezweifeln selbst, dass sie eine aktive Rolle als Beitragende zur FS-Bewegung haben, weil sie keinen Code beitragen. Sie bezeichnen sich nicht als Verfechterinnen/Kämpferinnen („militantes du code“), weil sie in Communities aktiv sind, die nicht direkt mit der Entwicklung freier Software in Verbindung gebracht werden. Ihre Tätigkeitsbeschreibungen stehen dazu im Widerspruch, da sie berichten, wo sie sich z.B. erfolgreich für den Einsatz von freier Software eingesetzt haben. Lediglich einige wenige, die weder an einer Softwareentwicklung, noch innerhalb einer Community teilgenommen haben, betrachten sich trotzdem als Akteurinnen der FS. Sie bezeichnen sich jedoch nicht als „Beitragende“, sondern eher als „Nutzerinnen“, „Nutznießerinnen“ oder „Teilhabende“ (106ff.).
  • Die Empirie verdeutlicht, wie unklar der in FS-Kreisen gängige Begriff von Beitrag/contribution ist. Und wo ist eigentlich die Grenze zwischen passivem und aktivem Nutzen und zwischen Nutzen und Beitragen (107)?
  • Sie schreibt (locker übersetzt): Die meisten Antworten haben ergeben, dass  der „wahre Beitrag der Frauen“ in der Vermittlung und Verbreitung freier Software und der Philosophie dahinter liegen kann, auch wenn es auch gute Programmiererinnen gibt. Es sei nicht so, dass Frauen schlecht mit technischen Aufgaben zurechtkämen, aber sie seien in anderen Bereichen gut, die sie mehr begeistern. (Da ich diese Stelle wichtig finde (s.u.), kommt hier zum Gegenlesen das Original: „La plupart des réponses ont indiqué le fait que même si les femmes peuvent exceller en programmation et en tâches liées à la programmation, le vrai apport des femmes peut se faire par la médiation et la diffusion des projets et des valeurs du libre. Ce n’est pas le fait que les femmes ne sont pas bonnes à effectuer des tâches techniques, mais plutôt le fait que les femmes sont compétentes en d’autres domaines qui les passionnent davantage.“ (109))
  • Unter den aufgelisteten Tätigkeiten der Frauen wird Quellcode kaum erwähnt, selbst bei denen, die viel damit arbeiten. Interessanterweise ist für die technisch Geübteren das Beitragen zum Code etwas Gewöhnliches. Sie definieren die Aktivitäten für die Communities als besonders wichtig und vernachlässigen vielleicht deshalb ihre Programmiertätigkeiten in der Darstellung (109f.).
  • Die technisch nicht so Versierten haben eine entgegengesetzte Wahrnehmung: Code contributions siedeln sie auf einer oberen Stufe an, die für sie unerreichbar ist und bleibt. Viele von ihnen haben Einstiege in ihre Communities über das Verfassen von Dokumentationen gemacht, was als nicht-technische Tätigkeit gesehen wird (110). Sie denken von sich, dass sie nichts beitragen, weil sie nicht programmieren oder dass sie zu wenig beitragen.
  • Zwei Personen sind weder an SW-Entwicklung, noch in irgendeinem Sinne an FS-Communities beteiligt. Sie tragen FS in ganz andere Gefilde, fühlen sich dem aber sehr verbunden und haben sehr wohl das Gefühl selbst etwas beizutragen (110). (Meine eigene Vermutung dazu: Sie sind in den typischen Diskursen rund um freie Software nicht so drin, dass sie die Ansprüche und Abgrenzungen der Communities auf sich beziehen.)

Software-Aktivismus und Technofeminismus

  • Mit Software-Aktivismus („militantisme du code“) bezieht Haralanova sich auf Couture/Proulx (2008): Ihnen zufolge besteht „militantisme du code“ darin, die Verwendung von Software als politische Aktion zu deuten. Die technischen Artefakte sind dann keine wertneutralen Werkzeuge, sondern Träger von Werten, Interessen und politischen Zielen (119).
  • Mehrere der Frauen äußerten sich insgesamt kämpferisch, obwohl sie auf direkte Nachfrage hin Militanz oder politischen Anspruch in Bezug auf ihr FS-Engagement abstritten. Sieben von neun geben ihrer Aktivität einen politischen Sinn; viele von ihnen kämpfen auch in anderen Kontexten politisch für Rechte.
  • Ebenfalls sieben waren für die Gender Gap im technologischen Bereich sensibilisiert, nur zwei reagierten überrascht angesichts des feministischen Bezugs der Erhebung, da sie sich diese Frage noch nie gestellt hatten (116).
  • Fünf von neun bezeichnet die Autorin als Technofeministinnen, die den Software-Aktivismus mit Feminismus zusammendenken (118).
  • Aktivismus, den sie mit Technofeminismus bezeichnet, umfasst die ganze Bandbreite von Tätigkeiten, z.B. Sensibilisierung, Streuen von Informationen, die Organisation von Workshops, die Hilfe bei der Bedienung von freier Software. Dabei gibt es zwei Stoßrichtungen: Erstens zeigen vor allem die technikaffinen Frauen oft die Beiträge von Frauen in Communities und SW-Projekten auf, indem sie Vorträge darüber halten, als Rollenmodelle über ihre Erfahrungen berichten, auf die Atmosphäre in den Communities achten, auch die Relevanz grafischer Oberflächen für technisch nicht so versierte Personen betonen. Zweitens tragen Technofeministinnen die Idee freier Software an Frauenzentren und feministische Kreise heran. Sie bieten Install-Parties an, organisieren Weiterbildungsangebote, setzen Server für bestimmte Organisationen auf und erarbeiten passende Softwarelösungen für die Nutzerinnen/mit ihnen (120f.).

All diese Aktivitäten kommen Haralanova zufolge in der verbreiteten Wahrnehmung von freier Software und innerhalb der Communities nicht vor: Die Arbeit und das Engagement der Frauen sind unsichtbar und werden nicht anerkannt. Sie erklärt diese Unsichtbarkeit einerseits mit dem engen Verständnis von Softwareentwicklung, das auf Programmieren und programmiernahe Tätigkeiten beschränkt ist. Andererseits werden sie in FS-Communities auch deshalb nicht wahrgenommen, weil sie oft diejenigen sind, die FS in völlig andere gesellschaftliche Bereich hineintragen, die mit der SW-Entwicklung nichts zu tun haben, wo dann niemand etwas davon mitbekommt.

Resümee

Empirie und wissenschaftliche Literatur zeigen, dass es gar keine Klarheit darüber gibt, was mit „Entwicklung“ gemeint ist, daraus ergibt sich, dass auch unklar ist, was als „Beitrag“ anerkannt wird. Was ist z.B. mit „passiven“ Nutzer_innen, die die Idee weitertragen und bewerben, ohne je mit Programmierenden Kontakt aufgenommen zu haben? Oder mit denen, die Code zu einem Projekt beisteuern, in allen anderen aber genau so „passiv“ sind? Ein enger Begriff von Entwicklung würde wohl drei der Befragten als Beitragende durchgehen lassen, ein bewusst weit definierter Begriff jedoch alle neun. Das eine Prozent, das statisch behauptet und überall zitiert wird, sei die Spitze des Eisbergs aktiver Frauen in der freien Softwareentwicklung.

Haralanova betont, dass freie Software nicht allein ein Technologieentwicklungsprozess ist, sondern dass darin lange Prozesse von Kollaboration, Aushandlungen, Lernprozessen involviert sind, an denen viel mehr Menschen als nur Programmierer_innen beteiligt sind. Wenn FS als gleichzeitig sozialer und technischer Prozess verstanden werden soll, dann muss Platz sein für Programmierende und Nutzende und alle, die sich dazwischen verorten. Mit FS-Entwicklung seien zwar immer Zusammenarbeit, Austausch zwischen Nutzenden und Entwicklenden gemeint, aber das bleibe eben auf Code und das unmittelbare Drumherum zentriert. Sie geht davon aus, dass sich die aktiven Frauen um so sichtbarer machen würden, je mehr freie Software als soziales, nicht als rein technisches Projekt, wahrgenommen wird (126ff.).

Ein paar Gedanken von mir

Es stimmt: Fast die gesamte Forschung zu freier Software übernimmt die Vorrangstellung des Programmierens unkritisch. Ganz viele Autor_innen reproduzieren auch selbstverständlich die Einteilung in „Entwickung“ und „Nutzung“, ohne zu schauen, wie fließend die Übergänge sind und was es darüber hinaus noch gibt. Christinas Arbeit zeigt empirisch auf, wie blind das die Forschung gegenüber bestimmten Formen von FS-Aktivismus macht. Sie stellt allein in Montréal neun Aktivistinnen vor, von denen sechs durch implizite Prämissen in anderen Forschungsarbeiten gar nicht vorkommen würden.
Ich finde es richtig und wichtig, die Definitionen von „Beitrag“ und „Entwicklung“ zu überdenken, um weniger technische Aktivitäten sichtbar zu machen und anzuerkennen. Was ich dagegen schwierig finde, oder auch für hinterfragenswert halte, ist die relativ klare Assoziation von Frauen und „dem Sozialen“, den sozialeren Aspekten der Technik. Es ist nicht so klar, dass die Autorin selbst ein Stereotyp reproduziert, aber die Interviewten tun es offenbar deutlich, und sie lässt es unkommentiert stehen und greift es im Schlussteil auf (dass eine Wahrnehmung von FS als sozialem Projekt Frauen auf den Plan rufen würde). Wenn es auch sicher stimmen mag, da es ja keine Seltenheit ist, dass die, die Zuschreibungen erfahren, sie teilweise unhinterfragt für sich annehmen.
Was auch ein sehr interessanter Aspekt für mich ist: dass dermaßen viele der Frauen eine politische Dimension in dem sehen, was sie da machen und Feminismus und Softwareengagement verknüpft denken! Mir scheint das den bisherigen Forschungsergebnissen in Teilen zu widersprechen. Studien, die männlich dominierte Communities fokussieren, kommen nie zu dem Ergebnis, dass sie die Mehrheit sich als Verfechter_innen politischer Anliegen sieht, das Politische bleibt dort zudem oft sehr schwammig (was auch an der Heterogenität der Gruppen liegt). Und wenn es mal um politische Anliegen ging, dann um etwas seltsame Freiheitsdiskurse (Code als freie Meinungsäußerung), die offen lassen, ob eigentlich für etwas gekämpft wird, das über ein „Ich will mit meinem Computer machen, was ich will“ hinausgeht. Es muss laut betont werden, dass es offenbar signifikant mehr weiblich sozialisierte Entwickler_innen gibt als männlich sozialisierte, die freie Software als politisches Anliegen sehen, für das sie sich auch deshalb einsetzen!

[1] Nochmal der Link zum pdf: http://www.ludost.org/sites/www.ludost.org/files/memhark_complete_0.pdf

[2] http://www.opensourcejahrbuch.de/download/jb2006/chapter_05/osjb2006-05-04-jung.pdf

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